Mit dem Amtsantritt von Christina-Maria Bammel am 1. Mai 2026 verbinden sich viele Hoffnungen auf einen neuen Aufbruch. Doch wie viel von den großen Visionen kommt eigentlich in der täglichen Gemeindearbeit an? Ein Kommentar von Internetredakteur und Kirchenvorstand Jens Ackermann über die notwendige Balance zwischen Strukturreformen und echter Präsenz vor Ort.
Mit dem 1. Mai beginnt für unsere Landeskirche eine neue Ära. Wenn Dr. Christina-Maria Bammel ihr Amt als Landesbischöfin antritt, geschieht dies in einer Zeit, in der die evangelische Kirche nach neuen Koordinaten sucht. Die Visionen der neuen Bischöfin klingen vielversprechend: Es ist die Rede von Aufbruch, von einer Kirche, die „mit Segen unterwegs“ ist, und von neuen Wegen in einer sich wandelnden Gesellschaft. Das sind Worte, die man in Zeiten schmerzhafter Reformen und schwindender Bindungskraft gerne hört.
Doch als Beobachter und Mitgestalter an der Basis – hier in St. Markus – wissen wir: Jede noch so kluge Vision muss den Praxistest im Gemeindealltag bestehen. Und dieser Alltag ist derzeit von einer spürbaren Ambivalenz geprägt.
Strukturreformen sind kein Selbstzweck
Wir erleben gerade im Kleinen, was die Landeskirche im Großen bewegt. Das neue Gottesdienstmodell in unserem Kirchengemeindeverband ist ein Vorbote jener Veränderungen, die uns massiv beschäftigen werden. Doch Strukturreformen dürfen kein bloßer Verwaltungsakt bleiben. Sie greifen tief in das soziale Gefüge und die Gewohnheiten der Menschen ein. Wenn wir diese Veränderungen nur am Schreibtisch konzipieren, ohne sie im echten Dialog zu vermitteln, riskieren wir, die Menschen auf dem Weg zu verlieren.
„Kirche ist kein Dienst nach Vorschrift, sondern lebt von der Begegnung, die über das Formale hinausgeht.“
Präsenz ist das Fundament, kein Bonus
Nach einer fast dreijährigen Vakanz ist die Sehnsucht nach Aufbruch in unserer Gemeinde groß. Doch wir müssen ehrlich sein: Glaubwürdigkeit entsteht nicht durch Verwaltung, sondern durch Präsenz. Wenn Führung sich primär auf Abgrenzung konzentriert und dabei im Alltag der Menschen kaum noch wahrnehmbar ist, entsteht ein Vakuum, das durch kein Organigramm gefüllt werden kann.
Wir brauchen gerade jetzt Formate des Austauschs, in denen Fragen gestellt und auch Sorgen geäußert werden dürfen. Transparenz ist dabei die wichtigste Währung. Wer Reformen will, darf den direkten Dialog mit der Gemeinde nicht scheuen – auch wenn dieser Zeit kostet und Überzeugungsarbeit verlangt. Es reicht nicht aus, eine Stelle formal zu besetzen; man muss sie mit Sichtbarkeit füllen.
Ein Wunsch zum Amtsantritt der Landesbischöfin
Der neuen Landesbischöfin ist zu wünschen, dass sie bei aller strategischen Arbeit den Blick für die Realität in den Gemeinden nicht verliert. Die großen Entwürfe der Landeskirche werden sich letztlich daran messen lassen müssen, wie viel Kraft und Zuversicht sie an der Basis freisetzen.
Wir in St. Markus sind bereit für den Aufbruch. Aber wir wünschen uns, dass dieser Weg gemeinsam gegangen wird – mit Transparenz, mit Sichtbarkeit und im ehrlichen Miteinander. Denn Kirche findet dort statt, wo Menschen sich gesehen und gehört fühlen.

